Von der Lektüreflut überrollt

Da stellt sich mir doch glatt die Frage: Was habe ich mir dabei bloß gedacht?!

Ich starte am Montag in meinen Master. Viel lesen liegt in der Natur meines Studienganges. Trotzdem habe ich aus irgendeinem Grund nicht damit gerechnet, dass mich die Lektüreflut so früh schon überrollen würde. Also, bevor die Seminare überhaupt angefangen haben. Die Schwerpunkte meiner Germanistikseminare liegen dieses Semester auf Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften und auf diversen Schiller-Werken. Dass ich mir mit Der Mann ohne Eigenschaften viel vorgenommen habe, weiß ich selber, aber ich dachte, das Buch gibt sicher genug her um eine dreißigseitige Hausarbeit dazu zu verfassen. Über das angebotene Schillerseminar habe ich mich sehr gefreut. Während meines gesamten Bachelorstudiums habe ich mich weder mit Goethe noch mit Schiller stark auseinandergesetzt, weshalb ich jetzt die Gelegenheit beim Schopfe packen und mich wenigstens einem der beiden widmen wollte. Allerdings hatte ich wohl überlesen, dass in der ersten Sitzung die Kenntnis folgender Texte überprüft wird: Die RäuberDon KarlosDie Jungfrau von Orleans. So. Da sitz ich nun, ich armer Tor und weiß nicht, wo ich anfangen soll. Die Bücher hab ich mir gemedimopst, alles liegt bereit. Motiviert bin ich, überfordert auch, einer entspannten Lektüre steht also nichts im Wege. Sobald ich den Entschluss gefasst habe, mich mit Tee und einem der Bücher an den Schreibtisch zu setzen (denn da muss ich Bücher für die Uni inhalieren, um nebenher Notizen machen zu können), denke ich an LuluLiest und werde etwas sehnsüchtig. Ich schaue zu meinem Nachtschränkchen, das vollgestopft ist mit Büchern, die ich mir zum Vergnügen gekauft habe, die ich für euch lesen und rezensieren wollte, und frage mich: Ob meine treue Leserschaft sich wohl mit Schiller und Musil beschäftigen möchte?

Lange habe ich Ideen gewälzt und bin jetzt zu dem Schluss gekommen, dass Rezensionen für mich ein gutes Mittel sind, die gelesenen Werke noch einmal Revue passieren zu lassen, in mich zu gehen, mir zu überlegen, wie ich dazu stehe, welches Thema, welche Elemente mich am meisten bewegt und begeistert, was mich am stärksten gestört und abgeschreckt hat. Demnach werde ich mich jetzt erstmal in Ruhe meiner Unilektüre widmen. Wenn ich Zeit dazu habe, schreibe ich eine Rezension (um in meinem neuen 2-Wochen-Rhythmus zu bleiben), wenn nicht, nehme ich euch mit auf einen Gedankenspaziergang. Vielleicht sogar zu einem interessanteren als dem heutigen.

Ich finde es schwierig und zum Teil sogar überfordernd, wenn ich einen großen Stapel Bücher in der Wohnung liegen habe, die mich alle anschreien und zum Lesen auffordern. Dieses Phänomen begleitet mich seit vier Jahren durch mein Studium und wird mich wohl auch noch einige weitere Jahre nicht loslassen. Langsam muss ich mich daran gewöhnen, mich zwingen, eins nach dem anderen anzugehen, damit kein Buch liegen bleibt und ich vorankomme. Es sind ja nicht nur die Bücher, auch für meinen zweiten Studiengang muss ich mich mit Fachliteratur auseinander setzen. Für Lesestoff ist in geisteswissenschaftlichen Studienfächern immer genug gesorgt. Wenn ich mir andere Blogs anschaue, teilweise sehr schöne Blogs, die von Schülern/Studenten gestaltet werden, dann frage ich mich immer, wie die das hinbekommen. Also: Wie kriegt ihr das denn hin?

Ich freue mich über jede Anregung, jeden Tipp, alles, was mir dabei behilflich sein könnte, mich besser einzuteilen, kein Buch, mein Privatleben, meinen Blog, meine Uni, zu kurz kommen zu lassen. Lasst mir einen Kommentar da, schreibt eine Mail, schickt einen Brief (ich liebe Briefe!) ruft per Dosentelefon an – egal, ich bin gespannt!

Eure Lulu

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Das Herz der Finsternis – Joseph Conrad [oder: der Versuch einer Rezension]

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Was sagt man zu einem Buch, das einen sprachlos gemacht hat? Ich habe mich auf Anraten eines Kollegen mit dem Herz der Finsternis von Joseph Conrad (dtv, 2. Auflage, 2015) beschäftigt. Wahrscheinlich hätte ich es mir nie gekauft, aber genau das ist doch der Grund, warum man sich mit Bekannten über Bücher austauscht. Ich habe mich also drangesetzt und angefangen, den Roman zu lesen. Ich glaube, ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich noch nie so lange für ungefähr 140 Seiten gebraucht habe. Auch während der Lektüre musste ich das Buch immer wieder zur Seite legen und eine kleine Pause machen. Ein, zwei Tage blieb es dann liegen, bevor ich schließlich gerne weitergelesen habe. Jetzt sitze ich hier und schaue den Bildschirm meines Computers an und weiß einfach nicht, was ich schreiben soll. Ich konnte meine Routine nicht durchziehen und es fiel mir außergewöhnlich schwer, meine Gedanken zu ordnen. Genau das ist auch der Grund, weshalb es so lange gedauert hat, bis ihr diesen Beitrag endlich zu lesen bekommt. Ich werde im Folgenden jetzt ganz einfach ein wenig erklären, worum es in dem Buch geht und versuche, Worte zu finden um euch ein wenig zu zeigen, wieso ich das Buch so gehaltvoll fand. Es liegt in der Natur dieses Beitrags, dass er nicht so lang werden wird, wie ihr es von meinen anderen Beiträgen kennt.

Kapitän Marlow erzählt von seinem Vordringen per Dampfer auf einem großen Fluss in einen neuen Kontinent. Er erzählt von den unterschiedlichen Menschen, die er kennenlernt, von der Dunkelheit, dem Warten, die seinen Aufenthalt dort maßgeblich prägen. Seine Erzählung schockiert und fasziniert. Die Eingeborenen werden als Barbaren und Menschenfresser betitelt, die Weißen sind die Bestimmer in einem Land, das sie für sich beanspruchen wollen, ohne, dass es ihnen gehört. Marlow selbst macht mit verschiedenen kurzen Nebenbemerkungen immer wieder deutlich, wie prägend diese Erfahrung für ihn war. Er geht sogar über die simple Erzählung heraus und bewertet die Vorgehensweise der Menschen und der großen Firma, für die er arbeitet. Zeitweilig schlüpft Marlow aus seiner Erzählerrolle und beurteilt die Kolonialisierung, das Sich-unter-den-Nagel-Reißen eines fremden Landes. Ganz sachlich fügt er Sätze in seine Geschichte ein, mit denen er sich erklärt: „Die Eroberung der Erde – die meist nichts anderes bedeutet, als sie denen wegzunehmen, deren Haut eine andere Farbe hat oder deren Nase flacher ist als unsere eigene – ist keine schöne Sache, wenn man genau hinsieht.“ Schritt für Schritt dringt Marlow tiefer in den neuen Kontinent vor und er lernt immer mehr über sich und seine Ideen.

Conrad spielt mit der Faszination des Grauens. Alles Beschriebene wirkt barbarisch, wild, unzähmbar und schreckt den Leser ab, zieht ihn aber auch an. Es ist interessant zu sehen, wie der Autor vor 120 Jahren schon über Kolonialisierung, Gleichberechtigung, Menschlichkeit und Ausbeutung gedacht hat. Seine kritische Herangehensweise an die Thematik ist erfrischend und die Figur des Kapitän Marlow, der sich in das Gefüge der Eroberer und Ausbeuter einreiht ohne das Gedankengut, das ihm impliziert wird, zu teilen, ist nah am Leser. Trotzdem sind die verwirrende Erzähltechnik, das Hin und Her, das Vorgreifen und Wechseln anstrengend. Der Roman ist von einer konstanten Bewegung durchzogen, obwohl die Rahmenhandlung absolut statisch ist. Der Autor hat eine sehr spezielle Geschichte geschrieben, die wohl konstruiert und sehr spannend ist. Sie fasziniert und zieht an, stößt andererseits aber auch immer wieder ab. Trotz allem hat das Buch am Ende gewonnen und ich habe es zu Ende gelesen und mit vollgestopftem Kopf beiseite gelegt. Seit ich es ausgelesen habe, hat es mich nicht losgelassen. Allein die Sprache ist so ansprechend, dass sie schon ein Grund wäre, das Buch zu lesen.

Lieblingssatz:

„Das Leben ist komisch – dieses geheimnisvolle Arrangement gnadenloser Logik zu einem vergeblichen Zweck. Das Höchste, das man sich erhoffen kann, ist ein wenig Kenntnis seiner selbst – die zu spät kommt – und deren Ertrag untilgbares Bedauern ist.“

📚 darf in die Bibliothek 

Wir sind gekommen um zu bleiben – oder doch nicht?

Neulich hatte ich auf der Arbeit eine Diskussion mit zwei Kolleginnen, die genauso vernarrt ins Lesen sind, wie ich. Wir saßen gemütlich im Aufenthaltsraum zusammen und haben uns darüber unterhalten, wie wir mit unseren ausgelesenen Büchern so verfahren. Dieses Gespräch beschäftigt mich jetzt, zwei Wochen später, immer noch in einem solchen Ausmaß, dass ich das Resultat meines Gedankenspaziergangs einfach mit euch teilen möchte.

Nachdem ich meine Bücher ausgelesen habe, habe ich die Tendenz zu horten. Das heißt im Klartext: Ich hebe alle Bücher auf, stelle sie, alphabetisch nach Autoren geordnet, in mein klitzekleines Bücherregal (in dem die armen Bücher mittlerweile schon in zwei Reihen stehen müssen) und liebe es, sie anzusehen. Ein Bücherregal sagt soviel über einen Menschen aus, die Art, wie es geordnet ist, der Krimskrams der sonst noch so drinsteht. All das erzählt, wer man ist. Diese Visitenkarte ist das schönste Element meiner kleinen feinen Einzimmerwohnung. Sie ist das Zentrum und das Herz meines Zuhauses. Das Regal zeigt, wer ich war, wer ich bin und wer ich gerne sein würde und deshalb ist es mir so wichtig, die Bücher zu behalten und alle schön ordentlich da einzusortieren. Eine meiner Kolleginnen sieht das ganz ähnlich und auch sie hat dafür plädiert, die Bücher zu behalten, weil so ein volles Bücherregal doch einfach unglaublich schön ist. Sie hat davon geschwärmt, sich eine gemütliche Leseecke einzurichten und sich so zu positionieren, dass man das Regal im Blick hat.

Ganz anders sieht das die zweite liebe Kollegin. Sie findet, dass Bücherregale nichts Anziehendes an sich haben. Volle Regale, ob mit gelesenen oder ungelesenen Büchern gefüllt, erfüllen sie nicht mit Freude sondern eher mit einem Gefühl der Beklemmung. Sie kann dem Gedanken nichts abgewinnen, das, was sie gelesen hat auf ein Holzbrett zu stellen und es dort verstauben zu lassen. Mir fällt es schwer, das nachzuvollziehen, trotzdem finde ich schön, wie sie mit ihren Büchern umgeht. Sie holt sie meistens aus einem Bücherschrank, stöbert da ein bisschen und wenn sie eins rausnimmt, legt sie ein ausgelesenes rein. Die Bücher immer wieder auf eine neue Reise schicken, diesen Gedanken finde ich ganz schön.

Trotz des tollen Gedankens hinter einem Bücherschrank, könnte ich mich wahrscheinlich tatsächlich nur dazu überwinden, die Bücher da reinzustellen, die mich nicht komplett überzeugt haben. Bücher, mit denen ich mich identifizieren kann, die mir gefallen und die ich gerne gelesen habe, lese ich oft auch gerne ein zweites Mal. Außerdem habe ich ja schon ausführlich beschrieben, wie wichtig mir mein Bücherregal ist. Ich denke seit diesem Gespräch aber oft über meinen Umgang mit gelesenen Büchern nach und werde mich demnächst erkunden, wo es in meiner Umgebung Bücherschränke gibt und vielleicht erwacht in mir ja auch noch die Leidenschaft für diesen nachhaltigen und gedankenvollen Umgang mit Büchern.

Wie handhabt ihr das? Nutzt ihr Bücherschränke? Habt ihr Bücherregale und wenn ja, welche Bedeutung haben sie für euch? Teilt euch mit, lasst mir eure Gedanken zu dem Thema da!

Eure Lulu

Tyll –Daniel Kehlmann [REZENSION]

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Manchmal, wenn man auf einschlägigen Internetseiten für gebrauchte Bücher stöbert, schummeln sich verschiedene Bücher einfach mit in den Einkaufswagen, ohne dass sie auf der Wunschliste standen. Bei einigen liegt es am Titel, bei anderen am Preis und bei manchen, wie bei dem heute vorgestellten, ganz einfach am Cover. Als Kunstgeschichtsstudentin bin ich vielleicht einfach zu anfällig für Gemälde auf Einbänden, aber mir hat das Cover so gut gefallen, dass ich das Buch einfach haben musste. 

Als Ausgangspunkt für diese Rezension zu Daniel Kehlmanns Tyll,  einem Roman der im Oktober 2017 im Rowohlt Verlag erschienen ist, wird mir heute der Klappentext dienen, der mir eigentlich auch beim Stöbern schon gut gefallen und mich neugierig gemacht hat: „Die Neuerfindung einer legendären Figur: ein großer Roman über die Macht der Kunst und die Verwüstungen des Krieges, über eine aus den Fugen geratene Welt“

Im Nachhinein denke ich, dass ich tatsächlich selber darauf hätte kommen können, mit wem sich das Buch befasst. Da er sich in den Geschichten, die ich bisher zu ihm gelesen habe aber immer nur als „Till“ gezeigt hat, war mir die Verbindung nicht sofort klar. Der Autor sorgt allerdings schnell dafür, dass jeder Leser weiß: Tyll Ulenspiegel ist der Held dieses Romans. Er ist die legendäre Figur die der Autor neu erfunden hat. Den meisten dürfte Tyll Ulenspiegel – oder wie ich ihn kennengelernt habe, Till Euelenspiegel – aus Erzählungen, Geschichten oder diversen Querverweisen ein Begriff sein. Ein lustiges Kerlchen, ein talentierter Artist, der mit seinen Streichen seine Mitmenschen auf die Palme bringen kann. Schon zu Beginn des Buches macht Kehlmann klar: Hier ist die Figur vielschichtiger, hier geht es über die lustigen kleinen Streiche hinaus. Kehlmanns Tyll gibt sich nicht mit Ärgern zufrieden, es scheint fast so, als wolle er Blut sehen. Diese Tatsache passt gut in die Zeit, in der Kehlmann seinen Leser hineinversetzen möchte: der Dreißigjährige Krieg. Dem Autoren gelingt es, Grausamkeiten in vielen verschiedenen Bereichen auf sehr unterschiedliche Art und Weise hervorzuheben. Angefangen beim Familienleben und dem Umgang zwischen Eheleuten sowie Eltern und Kindern, über die Folter und die Jagd der Kirche auf Hexer und Teufelsanhänger, bis hin zum Krieg selbst und den Auswirkungen auf die Soldaten, die Dörfer und die Zivilisten. Die oben bereits angesprochenen „Verwüstungen des Krieges“ in Worte zu fassen, und das auf so vielen Ebenen, das ist Kehlmann gelungen. Mir scheint es, als wolle er mit seiner schönen und gepflegten Sprache, seiner sorgsamen Wortwahl dafür sorgen, dass die Grausamkeiten noch schlimmer werden, noch deutlicher hervortreten und dem Leser noch schlimmere Bilder vor Augen führen.

Ich habe mich vor allem auf die Ausführungen gefreut, die „die Macht der Kunst“ hervorheben und zeigen, wie Menschen im 17. Jahrhundert vielleicht mit Kunst umgegangen sind. Geprägt durch mein Studium hatte ich vielleicht zu sehr die Erwartung, der Autor würde sich mit Malerei befassen. Das hat er auch teilweise getan aber der Fokus liegt wohl doch auf der Unterhaltungskunst. Kehlmann widmet der „Ausbildung“ und dem Werdegang Tylls viel Aufmerksamkeit. Zudem legt er einen Fokus darauf, wieviel Durchhaltevermögen und Kraft Tyll aufbringen muss um das, was er kann noch zu verbessern um sein Überleben sichern zu können. Er zieht umher und zeigt Kunststücke um die Menschen zu erfreuen und ihnen Geld aus der Tasche zu ziehen. Er tanzt, lässt Geschichten erzählen, nutzt seinen Körper als Ausdrucksmöglichkeit. Er ist ein Visionär und ein Freigeist und zusammen mit Nele, seiner Schwester im Geiste, revolutioniert er die Welt der Schausteller.

Ich könnte ewig weiterschreiben. Ich könnte die unterschiedlichen Figuren aufzählen die der Autor anführt um die Geschichte mehrdimensionaler zu gestalten. Tyll ist in diversen Kapiteln nur eine Nebenfigur. Er ist der Narr der Winterkönigin, er ist der Geflüchtete in einem Kloster, er ist derjenige, der große Gelehrte dazu bringt, ihre Lügen einzugestehen und er ist der Mann, der Schaustellern und Musikern die Freiheit lässt, zusammen zu sein. Der Autor widmet ganze Kapitel den unterschiedlichsten sozialen Schichten und lässt den Leser so den Krieg aus verschiedenen Perspektiven erleben. Wie zufällig ist Tyll dabei der rote Faden, der die Menschen und die Schicksale miteinander verbindet.

Kehlmann hat ein schönes Buch voller Grausamkeiten erschaffen. Die Lektüre hat mir viel Spaß gemacht und es ist sicher eine gute Wahl für eine längere Reise, da man sich nicht zu stark konzentrieren muss, die Geschichte aber auch nicht zu seicht ist. Man kann also auch schon mal aufsehen, langweilt sich aber nicht und ist auch nicht versucht, den Roman beiseite zu legen. Die einzige Schwierigkeit, die ich mit dem Buch hatte, hat sich mir erst nach der Lektüre richtig offenbart: Selten hatte ich solche Probleme damit zu entscheiden, wie ich zum Helden eines Romans stehe. Habe ich Mitleid mit ihm? Bewundere ich ihn? Verabscheue ich ihn? Wie soll ich ihn einordnen? Ich habe mir jetzt viel Zeit gelassen, bevor ich die Rezension verfasst habe und ich habe immer noch keine klare Meinung. Vielleicht trägt das aber auch etwas zum Zauber des Buches bei.

Lieblingssatz (hier eher eine Lieblingspassage):

„Aber weißt du was besser ist? Noch besser als friedlich sterben?“ „Sag es mir.“ „Nicht sterben, kleine Liz. Das ist viel besser.“ Sie wandte sich zur Treppe. Von drunten aus dem Saal härte sie Rufe und Lachen und Musik. Als sie sich wieder zu ihm drehte, war er nicht mehr da. Verblüfft beugte sie sich übers Geländer, aber der Platz lag im Dunkeln, und Tyll war nicht zu sehen.“

📚 darf in die Bibliothek

Das erfordert Präzision!

Ich habe neulich fast zwei Wochen gebraucht, um ein Buch fertig zu lesen. Das Thema war an sich genau meins, aber ich habe mich schwer getan mit den Gefühlen, die der Autor bei mir hervorgerufen hat. Schon während der Lektüre habe ich mich intensiv mit dem Inhalt, also dem Thema und den Figuren beschäftigt, weil ich fand, dass das Buch viel Reflexion erfordert. Da ich oft in der Situation bin, dass mich ein Buch deutlich mehr beschäftigt, als ich das erwarte und ich dann das Gefühl habe, dem Inhalt des Buches nicht unbedingt gerecht zu werden, habe ich seit zwei Monaten einen neuen Schritt in meine Leseroutine mit eingebaut: Ich führe ein Lesejournal.

Lesejournal

Ich habe mir bewusst eines zugelegt, in dem immer nur eine Seite pro Buch vorgesehen ist. Somit bin ich gezwungen, die vielen umherschwirrenden Gedanken präzise in Worte zu fassen. Ich lese also mein Buch fertig, dann setze ich mich mit einem heißen Getränk meiner Wahl bequem irgendwo hin und denke nach. Wenn ich meine Gedanken ein wenig gesammelt habe und weiß, wie ich zu dem Buch stehe, schnappe ich mir mein Journal, schlage die entsprechende Seite auf und schreibe in meiner schönsten Schrift Titel, Autor, Verlag, Erscheinungsjahr, Lesezeitraum etc. rein. Dann fange ich nochmal an im Buch zu blättern. Ich wähle mir meine liebsten Passagen raus oder suche gezielt nach Sätzen, die ich mir während der Lektüre schon markiert habe. Auf diese Weise beschäftige ich mich noch mal mit dem Buch, setze mich gezielt mit der Sprache auseinander. Wenn ich fündig geworden bin, füge ich meine Lieblingssätze in mein Lesejournal ein. Darauf folgen dann Stichworte: Welche sind die Hauptthemen des Buches? Mit welchen Problematiken setzt sich der Autor auseinander? Spiegelt die Rahmenhandlung die eigentliche Aussage des Schriftstellers wieder? Wie sind die Figuren konstruiert? Wirkt das Gesamtbild (Figurenkonstellation, Geschehen, Hintergrundideen) plausibel? All das sind Fragen, die ich mir selbst nach der Lektüre beantworten möchte und die Gedanken dazu schreibe ich in meinem Lesejournal nieder. Auf die Stichworte folgen noch zwei Sätze die resümieren, mit welchen großen Themen sich der Autor befasst und was diese in mir ausgelöst haben. Die gesamte Arbeit beruht auf zwei Pfeilern: Geduld und Präzision. Manchmal merke ich, dass ich nicht in der Lage bin, sofort die richtigen Worte zu finden und ich lege das Journal noch einmal weg, weil ich erst am Tag darauf die exakten Worte zu finden vermag.

Ihr habt es geschafft und euch meine Ausführungen bis hierhin durchgelesen. Die ganze Routine habe ich hier einmal hingeschrieben, um euch die Relevanz des Lesejournals für mich hervorzuheben: Es dient der Reflexion des Gelesenen, aber auch dem Erinnern der bereits verschlungenen Bücher. Ich führe das Journal noch nicht sehr lange, aber die Anschaffung war dringend notwendig. Wer kennt das nicht: Man weiß mit Sicherheit, dass man ein Buch gelesen hat, weiß vielleicht auch noch vage, wie man es fand, aber worum genau es eigentlich ging, das kann man nicht immer so genau wiedergeben. Das ist frustrierend und enttäuschend und den Gefühlen wollte ich vorbeugen. Bisher gelingt mir das ganz gut, denn durch die exakte Vorgehensweise meinerseits schaffe ich es, die Bücher auf eine (für mich) ordentliche Weise zu rekapitulieren.

Dieser Blogbeitrag kann eventuell als Plädoyer für ein Lesejournal gelesen werden. Vielleicht ist es aber auch nur die Aufzählung eines beruhigenden Vorgangs, den ich regelmäßig wiederhole und der mich glücklich macht. Das Lesejournal zu schreiben ist für mich ein wichtiges Ritual geworden und wenn ich anfangs die Sorge hatte, ich würde es schnell aufgeben, dieses kleine schwarze Buch zu führen, so habe ich mich doch selber eines Besseren belehrt, worauf ich sogar ein wenig stolz bin.

Was macht ihr, nachdem ihr ein Buch ausgelesen habt? Erinnert ihr euch an alle Bücher, die ihr gelesen habt? Wäre ein Lesejournal für euch eine Möglichkeit? Führt ihr vielleicht sogar schon eins? Ihr seht: Wie immer bin ich neugierig und wie immer möchte ich wissen, wie ihr mit diversen Situationen umgeht. Also: Teilt euch mit und sagt mir, wie ihr darüber denkt!

Eure Lulu